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Turns und kein Ende: Aktuelle Tendenzen in Germanistik und Komparatistik

Call for Papers zur Konferenz der Griechischen Gesellschaft für Germanistische Studien

Athen, 09.12. 2015 -12.12.2015

Am Anfang war die ' linguistische Wende' in Literaturwissenschaft und Sprachwissenschaft, der dann zahlreiche turns folgten, und ein Ende scheint noch nicht in Sicht. So widmeten sich 2014 Claudia Liebrand und Rainer J. Kraus den turns und konstatierten einen aktuellen philological turn als Reaktion auf die kulturwissenschaftlichen Paradigmenwechsel der neunziger Jahre. In ihrem Band Interpretieren nach den ‚Turns‘ fragen sie danach, „ob die turns den ‚Zerfall‘ der Germanistik in immer kleinere Quasi-Teildisziplinen vorantreiben oder ob die turns dem Fach im Gegenteil Brückenschläge anbieten, Integrationsvorschläge machen.“ (S. 7). In der Auslandsgermanistik drängen sich derlei Aporien in verstärkter Form auf, bewegen sich doch sowohl Forschung als auch Lehre tagtäglich in interkulturellen und demzufolge transnationalen, höchst dynamischen Spannungsfeldern. Daher möchte die erste Tagung der Griechischen Gesellschaft für Germanistische Studien einen Beitrag zur Vermessung und Kartographierung des Faches leisten, indem sie sich kritisch mit turns, Wendungen und Tendenzen in der Germanistik auseinandersetzt, wobei der Blickwinkel auch Nachbardisziplinen wie Komparatistik, Geschichte oder Soziologie einschließt.

Folgende Vorschläge für Sektionen sollen als Anregung dienen:

    1. Weltliteratur und Nationalliteratur im Zeitalter der Globalisierung

Im Zeitalter der Globalisierung werden traditionelle Definitionen von „global“, „national“ und „regional“ neu verhandelt, und im deutschsprachigen Raum sieht sich das aus historischen Gründen ohnehin prekäre Verhältnis zwischen Sprache und Nation in Deutschland (BRD und DDR), Österreich und Schweiz durch hybride, mehrsprachige Textformen zusätzlich herausgefordert. Etablierte Konzepte wie „Kulturnation“ und „Staatsnation“ werden dadurch hinterfragt, neue Formate wie graphic novels oder Computerspiele bringen innovative, weltweit rezipierte „Welt-Texte“ ins Spiel, so dass die Kategorie einer Nationalliteratur zunehmend obsolet zu werden scheint.

    2. Postkoloniale Germanistik

Postkolonialismus kann verstanden werden als kognitives Raster zur Auslotung von Asymmetrien in Machtverhältnissen, wobei es in der Gegenwart weniger um militärische Invasionen als um subtile Formen von Ausbeutung und Unterdrückung in einem global agierenden, neoliberalen Wirtschaftsregime geht. In Literatur und Massenmedien findet neuerdings eine Auseinandersetzung mit der kolonialen Vergangenheit Deutschlands (und nicht nur) statt und Texte zu „Entdeckungen“ und zur Kolonisierung sind zu Bestsellern avanciert; darüber hinaus erfährt der Postkolonialismus als theoretische Konfiguration im Hinblick auf den deutschen Sprachraum eine Begriffserweiterung und –umdeutung, die auch linguistische Fragestellungen z. B. zu Ein- und Mehrsprachigkeit in den Texten umfasst.

    3. Kulturwissen und Wissenskultur

Die Entwicklung eines Konzepts für eine Europäische Wissenschaftsbildung auf der Basis interdisziplinärer, sprachen- und länderübergreifender Zusammenarbeit zwischen Allgemeiner Sprachwissenschaft, komparatistischer Literaturwissenschaft sowie DaF/DaZ ist ein Desiderat der Forschung. Ein solches Konzept, das spezifisch europäische Wissenschaftstraditionen ebenso berücksichtigt wie aktuelle Trends in allen Bereichen, könnte etwa konkrete Arbeit an Textkorpora zur Analyse der Hochschulkommunikation in der Lehre umfassen, könnte aber auch den Umgang mit Epistemizität in literarischen Diskursen in älteren und neueren Textformaten, z. B. meteorologisches Vokabular in dystopischen Texten zum Klimawandel oder technische Termini im Expressionismus zum Gegenstand machen.

    4. Literatur und Ökologie

Literatur als ein Diskurs, in dem andere Diskurse gespiegelt und Problemstellungen aufgenommen und weitergedacht werden können, ist besonders geeignet, um aktuelle ökologische Fragestellungen aufzugreifen und sich mit der Thematik der Nachhaltigkeit auseinanderzusetzen: so entstehen Texte, in denen die Beziehung des Menschen zu seiner Umwelt und deren Folgen für menschliche und natürliche Ressourcen thematisiert werden. Mögliche Schwerpunkte einer literaturwissenschaftlichen Beschäftigung mit der Öko-Thematik sind z. B. „ Die Grenzen des Natürlichen“, also Biowissenschaften und Literatur, Öko-Dystopien, die Rhetorik der Ökologie im (kritischen) Spiegel der Literatur („Greening of Religion“, „Apokalyptik“, „Krisen-Diskurse“), Ökologie und Ökonomie in postkolonialen Kotexten oder Gegenentwürfe in Form von Modellen eines „sanften“ Umgangs mit der Natur.

    5. Übersetzung und Kulturwissenschaften

Die Ende der 1970er Jahre in der Übersetzungswissenschaft erfolgte kulturelle Wende lenkte die Aufmerksamkeit der Forscher von der bis dahin üblichen komparatistischen Studie des Originals und der Übersetzung auf die kulturellen Besonderheiten der Texte und darüber hinaus auf die Person des Übersetzers, womit seit den 1990er Jahren eine soziologische Wende erkennbar wird. Die Übersetzung lässt sich inzwischen als ein Netz sozialer Verhältnisse definieren, innerhalb dessen die konstruktionsrelevanten Faktoren bzw. die einzelnen Agenten gemäß vor-etablierten Regeln und Konventionen handeln bzw. unter bestimmten Voraussetzungen mit ihnen experimentieren oder sie zu ändern versuchen. Diese richtungweisende Erweiterung des Beobachtungsrahmens und die Erarbeitung von Fragestellungen bedient sich eines soziologisch-wissenschaftlichen Instrumentariums, das die interdisziplinäre Natur der Übersetzung erneut unter Beweis stellt und zu neuen Konzepten und Modellen herausfordert.  

    6. Literatursoziologie und Soziolinguistik

Die Sektion beabsichtigt, gesellschaftliche brisante Themen und deren linguistische und narrative Repräsentationen aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten, um Schnittstellen zwischen philologischer Expertise und Soziologie sichtbar zu machen. Ein Beispiel für das Zusammenwirken dieser Disziplinen könnte die mediale Verarbeitung von Arbeitswelten unter diachronischen und synchronischen Aspekten darstellen, flankiert von weiteren Themen wie Arbeit und Muße, Identität und Arbeit, Krankheit und/durch Arbeit oder Arbeit und regionale – soziale – ethnische Herkunft oder Geschlecht.

    7. Intermedialität im DaF-Unterricht

Intermedialität ist nach wie vor aktuell. Besonders im DaF-Unterricht haben sich sowohl die primäre Intermedialität, also reziproke Zusammenhänge innerhalb der Medien, als auch die Medientransformation, d.h. der Wechsel des Prätextes in ein anderes Medium, als produktiv erwiesen. Derartige Hybridisierungen, Diskursmischungen und Assimilationen von Wahrnehmungsmustern erlauben die Beobachtung und Analyse von Prozessen sekundärer Intermedialität, d. h. wie Texte die Merkmale eines anderen Mediums vorführen und umgekehrt. Interessant wäre, Intermedialitätsaspekten im DaF-Unterricht nachzugehen und sie anhand von Fallstudien herauszuarbeiten.

    8. Linguistik und Neurowissenschaften

Schon Ende der 60er Jahre wurde mit dem rapiden Wachstum der Linguistik als Disziplin dieErwartung verknüpft, dass nun naturwissenschaftliche Exaktheit in das geisteswissenschaftlich orientierte Fach der Germanistik Eingang finden würde. Nachdem man in den Neurowissenschaften besonders in den letzten fünfzehn Jahren die Funktionsweise des mentalen Systems besser zu verstehen begonnen hat, ist in der kognitiven und formalen Linguistik zunehmend eine Tendenz spürbar, die Sprachwissenschaft auch als integrativen Teil der Naturwissenschaften wahrzunehmen und zu betreiben. Im Mittelpunkt dieser Sektion stehen Probleme und Perspektiven, die sich aus dieser Sichtweise ergeben, sowie die Diskussion rezenter Ergebnisse aus der neurolinguistischen Forschung.

    9. Alternative Evaluation im Bildungswesen

In den letzten Jahren gewinnt alternative Evaluation immer mehr an Bedeutung. Die Hauptgründe dafür liegen in der Unzulänglichkeit der traditionellen Evaluationsformen, die hauptsächlich der Leistungsmessung dienen und als lehrezentriert, quantitativ und partiell zu bezeichnen sind. Im Gegensatz dazu zielen lernerzentrierte, qualitative und holistische Selbstevaluationsformen auf der einen Seite auf die Diagnose der Kenntnisse und Kompetenzen der Lernenden ab und auf der anderen auf die Förderung der Lernerautonomie und des lebenslangen Lernens, die heutzutage als Kernkompetenzen gelten. Im Rahmen dieser Thematik sind Ziele, Vorgehensweisen und Erfahrungen auf europäischer Ebene, Vorteile und eventuelle Probleme sowie die Grundkonzepte dieser Entwicklung im gegenwärtigen Bildungswesen von Interesse.

    10. Linguistische Grundlagen des Sprachunterrichts

Die linguistische Forschung der letzten vierzig Jahre hat eine Fülle von neuen, teils revolutionären Fakten über empirische, typologische und formale Eigenschaften des Sprachsystems zutage gefördert. Diese Erkenntnisse haben bisher jedoch nur in minimalem Ausmaß Eingang in die Sprachdidaktik und den Fremd- und Zweitsprachunterricht gefunden. Es ist zu vermuten, dass dieses Defizit in der fehlenden oder nur unzureichenden Öffentlichkeitsarbeit der Sprachwissenschaft begründet liegt. Ziel dieser Sektion ist es, prominente Resultate der formalen und kognitiven Linguistik vorzustellen und diese so aufzubereiten, dass sie auch im Sprachunterricht Anwendung finden können.

Die Vorschläge (250-300 Wörter), versehen mit einem kurzen Lebenslauf (70-100 Wörter), sollten bis zum 15. Mai 2015 in elektronischer Form (Word) an folgende Adresse eingesandt werden: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. .

 

Bis zum 30. Juni 2015 werden Sie über die Entscheidung des Auswahlkomitees informiert.

Dauer der Vorträge: 20 Minuten

 

Teilnahmegebühren:

30 Euro (für Mitglieder der GGGS)

40 Euro (für Mitglieder der SEG)

60 Euro (für Nichtmitglieder der GGGS oder der SEG)

Die Zahlung erfolgt mittels Überweisung auf das Konto der GGGS:

Piraeus Bank

IBAN GR14 0172 2720 0052 7205 5295 521,

SWIFT-BIC PIRBGRAAIBAN GR

 

Konferenzsprache: Deutsch

Organisation: Elke Sturm-Trigonakis, Katherina Mitralexi, Katerina Karakassi, Georg Perperidis, Olga Papadopoulou, Αlexandra Rassidakis, Olga Laskaridou, Evi Petropoulou